Februar 2021

Meinungen wissen – Fakten leugnen

Wie Alternativmedien Unwahrheiten verbreiten und die Leserschaft manipulieren.

Gegner der Schutzmassnahmen zur Eindämmung des Coronavirus demonstrieren am 29. August in Zürich, Schweiz.

Er beginnt mit Michel Foucault und endet mit Albert Camus. Pest und Coronavirus, Utopie und Diktatur – die Intrigen lauern in und zwischen den Zeilen.

Am 12. Februar 2020 publiziert das deutsche Alternativmedium Rubikon einen Artikel, der seiner Zeit voraus ist. Am Vortag erst hatte die WHO die kursierende neuartige Lungenerkrankung auf den Namen «Covid-19» getauft. Als der Journalist Roland Rottenfusser in die Tasten haut, spricht noch niemand von Geschäftsschliessungen und Ausgangssperren. Rückblickend scheint der von ihm gewählte Titel vorausdeutend.

«Die Gesundheitsdiktatur» lautet er.

Rottenfusser schreibt: «Der Staat trainiert seinen Repressionsmuskel» und «Zu den «Einfallstoren» für die Feinde der Freiheit gehört neben der Furcht vor Terrorismus vor allem der durch Pandemien ausgelöste Notstand». Weiss dieser Mann etwa, was uns bevorsteht?

Der besagte Artikel ist ein Paradebeispiel für die sogenannten Ideologiekritiken, wie sie auf Rubikon zu hunderten existieren. Er schiesst gegen alle und alles, verdreht Fakten oder erklärt plumpe Behauptungen zu Wissen. Rottenfusser, der Autor zitiert einen französischen Philosophen, den Gewinner eines Geschwister-Scholl-Preises und die WHO – allesamt falsch. «Die Gesundheitsdiktatur» verstösst gegen journalistische Gebote, ist voller Schreibfehler und von Verschwörungsnarrativen unterwandert. Und trotz oder genau weil er schlecht ist, steht dieser Text exemplarisch für die Art und Weise, wie Rubikon und vergleichbare Alternativmedien ihre Leserschaft manipulieren.

Das suggestive Wir

Staatsmächte, die mithilfe des Notstandrechts autoritären Gelüsten nachkommen und Bürgerrechte aufheben. Die Weltgesundheitsorganisation, die wiederum Regierungen herumbefehlt und sie auf Impfgegner hetzt. Man kennt die Erzählungen. Die einen haben sie unter Verschwörungen subsumiert, die anderen sind dem Narrativ verfallen. Artikel wie „Die Gesundheitsdiktatur“ helfen dabei, Skeptiker zu Rebellen werden zu lassen und zwar auf perfide Weise.

Wenn Rottenfusser gleich zu Beginn den französischen Philosophen Michel Foucault zitiert, ist die Leserschaft beeindruckt. Hier berichtet ein Belesener, ein Gebildeter – Rottenfusser hat Germanistik studiert – und man fühlt sich mit ihm elitär, wenn er von uns aus der Wir-Perspektive schreibt. Doch diese Inklusion hat einen bitteren Beigeschmack: Die These, welche der Autor belegen sollte, ist zum Fakt geworden. Denn bei genauerer Betrachtung von Zitaten und Beispielen wird klar, dass es sich bei dieser Ideologiekritik nicht um einen argumentativen, sondern einen Meinungstext handelt. Und schon sind wir also Verfechter der Ansicht, dass Pandemien der Staatsmacht die Gelegenheit bieten, ihre „autoritären Neigungen“ auszuleben.

Durch diese unangebrachte Subjektivität, die Omnipräsenz von Rottenfussers Meinung wird die Faktenbasierte Argumentation ständig über den Haufen geworfen. Schon der Begriff der Ideologiekritik ist ein Hinweis dafür, dass man hier vergebens nach fundiertem Wissen sucht. Denn unter Ideologie versteht Rubikon nicht etwa Verschwörungen, sondern das, was für jene ausserhalb der Rebellen-Bubble Realität ist. Was die Gesundheitsbehörden empfehlen, was Statistiken belegen und Regierungen umsetzen – das wird hier kritisiert. Das ist hier verschwörungsideologisch. Auf Rubikon steht die Welt also Kopf und das tun auch die Fakten.

Die selektive Wahrnehmung

Roland Rottenfusser schreibt, dass die Rhetorik gegenüber Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen, immer aggressiver würde. Er fährt fort: „Im internationalen Rahmen liess die WHO verlauten, Impfgegner seien „so gefährlich wie Ebola““. Ein perfekter Beleg für seine Behauptung, sogar mit Zitat – nur leider falsch. Der Autor bezieht sich hier auf ein Ereignis im Januar 2019. Damals hatte die Weltgesundheitsorganisation sich dazu entschieden, Impfgegner in die Liste globaler Gesundheitsbedrohungen aufzunehmen. Der Spiegel titelte damals: «WHO erklärt Impfgegner zur globalen Bedrohung». Etwas weniger passend, aber dennoch richtig war auch die Überschrift der Welt: «WHO: Impfgegner sind so gefährlich wie Ebola». Dass die WHO aber gesagt habe, Impfgegner seien so gefährlich wie Ebola, stimmt nicht. Sie stehen auf derselben Liste, derjenigen für gesundheitliche Bedrohungen, und das hat Sinn. Diese Passage zeigt exemplarisch, wie Rottenfusser mit Beispielen und Zitaten umgeht: Fahrlässig.

Um aufzuzeigen, wie mithilfe von Notstandsmassnahmen die Gesundheitsdiktatur eingeführt wird, bedient sich Rottenfusser natürlich auch den Beispielen der Vogel- und Schweinegrippe. Besonders 2006 seien die Entscheide der Regierung überrissen gewesen, wenn man bedenkt, «dass die Zahl der Todesopfer der Vogelgrippe kaum mehr als 200 Personen (weltweit bis Ende 2007) betragen hatte». Perfide ignoriert er hier die Sterblichkeitsrate, die zeigen würde, dass jeder zweite Infizierte dem Virus erlegen ist. Bei der Schweinegrippe starben zwar deutlich mehr Menschen, doch die Zahl entspricht nur einem Prozent der Infizierten. Die Massnahmen waren unter Berücksichtigung dieser Tatsache weitestgehend legitim. Hätte Rottenfusser das aber geschrieben, hätte er das Argument nicht bringen und die Leserschaft überzeugen können.

Bei der Art, wie der Autor Geschehnisse beschreibt, die seine Meinung unterstützen sollen, könnte man von einer bewussten selektiven Wahrnehmung sprechen. Er grenzt aus, was nicht in sein Weltbild passt und ist damit nicht der Einzige. Als die Bewegung der Coronaskeptiker aufkam, sprachen viele Medien von Verschwörungstheoretikern. Mittlerweile weiss man jedoch, dass der Begriff der Theorie in diesem Milieu unpassend ist. Theorien sind begründet oder können widerlegt werden. Das Gedankengut der Bewegung ist jedoch unwiderlegbar – es ist ein Glaube, eine Ideologie.

Die Falschheit

Angesichts dieser Tatsache hätte „Die Gesundheitsdiktatur“ wohl gar nie eine faktenbasierte Kritik sein können. Doch selbst dort wo Rottenfusser die Illusion der Objektivität nicht aufrecht zu erhalten versucht und seine Meinung offensichtlich kundtun möchte, krebst er in letzter Sekunde zurück und kaschiert sie mit entschärfenden Worten wie „indirekt“, „weitgehend“ und „relativ“ oder mit Anführungszeichen. Es scheint fast so, als würde der Autor den Text eben doch so präsentieren wollen, wie er gar nicht sein kann: sachlich. Und mit den schwummrigen Begriffen schafft er sich eine Hintertür, für den Fall, dass ihn jemand mit seiner eigenen Haltung konfrontiert.

Ab und zu scheint Rottenfusser sich aber auch einfach zu vertun. Zum Beispiel als er „überschiessende Reaktionen“ der Regierungen auf die Schweinegrippe 2009 auflisten will. Der damalige US-Präsident Barack Obama habe damals den Notstand ausgerufen. „Zwar kam es nicht zu den vielfach befürchteten Notstands-Massnahmen […] aber es ist erschreckend, wie leicht der Kampfbegriff „Notstand“ in den USA ins Spiel kommen kann.“ Der Grund, weshalb ein auch Beispiel aufgelistet wird, dass die Behauptung nicht unterstützt, ist einfach: Quantität über Qualität. Rottenfusser will der Leserschaft zeigen, dass er recht hat. Je mehr „Beweise“, desto besser.

Die einzige Wahrheit

Über ein dutzend Argumente, die wenig bis gar nicht akkurat sind, viel Meinung, wenig Substanz. Und trotzdem locken diese Art von Texte Leserinnen und Leser an. Das hat einen einfachen Grund: Solche Ideologiekritiken wirken identitätsstiftend. Die Leserschaft von Alternativmedien wie Rubikon fühlt sich verstanden, wenn sie ihrer eigenen Weltanschauung begegnet. Und sie verlangt deshalb auch keine tiefgründigen Erklärungen. Diese Publikationen sind nur oberflächlich journalistisch. Vielmehr sind sie ein szeneimmanentes Gefäss zur Verbreitung von Ideologien, für die es keine Beweise gibt. So sehr sich die Feindbilder dieser Leserschaft auch gegen die Stigmata wehren – Demokratien werden Diktaturen, Massenmedien werden Lügenpresse und Pandemien werden Hirngespinste bleiben. Keine neue Erkenntnis kann dieses Weltbild erschüttern. Dank selektiver Wahrnehmung wird es nur zu einem weiteren Argument für eine unerklärliche Ideologie. Auch dafür steht der Artikel „Die Gesundheitsdiktatur“ exemplarisch, denn er stammt nicht von 2020 – zumindest nicht vollständig. Die erste Hälfte des Textes sowie das Fazit publizierte Roland Rottenfusser in genau dieser Form bereits 2010 beim Alternativmedium Ze!tpunkt. 2017 erschien derselbe Text noch einmal bei Schlagzeilen. Für beide Alternativmedien war Rottenfusser in der Vergangenheit Redakteur gewesen.

2020 entschied er sich also, den Text mit einigen Passagen zur neuesten Pandemie auszuschmücken. Macht ihn das jetzt zum Vorzeichendeuter? Zum Auguren der Aluhüte? So sehr das Aufleben von Verschwörungen während dieser Pandemie auch den Anschein erwecken mag: Viele dieser Ideologien existieren seit jeher und ruhten nur lange im Dunklen. Zwielichtige Publikationen wie „Die Gesundheitsdiktatur“ haben deren Anhänger die Gewissheit gegeben, dass auch andere ihrer Meinung sind. Und nun versammeln sie sich, tauschen Links zu manipulativen Texten aus und merken nicht, dass sie in ihrer ganz eigenen Meinungsdiktatur leben.