September 2020

Zu Stoss- und Randzeiten

Ein Reisebericht darüber, was Blaubeuren vielleicht zu verlieren droht und wie die Deutschen so sind.

Im Blautopf entspringt die Blau, die nach 22 Kilometer in die Donau fliesst. (Dario Veréb)

Der erste Eindruck zählt, doch er kann auch täuschen. Aus den Reiseführern und -Blogs kennt man Blaubeuren für Fachwerkhäuser und Pflastersteine. Zu Gesicht bekommt man als Erstes jedoch Parkflächen und eine unförmige Sparkassenfiliale. Die alten Stadtmauern bewahren den pittoresken Charme der Kleinstadt im Innern auf und offenbaren ihn nur dort, wo die Kirchentürme in den Himmel ragen. Die Familienkutschen der Frühaufsteher glänzen hübsch in der Morgensonne, lassen aber Ungutes vermuten: Es sind schon ganz schön viele Ausflügler da.

Die Stosszeiten

Die Sportsonnenbrille in Kombination mit Rucksack und Kamera, die reflektierende Abdeckung hinter der Windschutzscheibe des Autos zeugen von der akribischen Planung, mit welcher der Deutsche den Wochenendausflug antritt. Das Problem nur: die Planung der Touristen ist ziemlich gleichgeschaltet. Der Spaziergang vom Parkplatz zum Ort gleicht einer Pilgerfahrt. Man geht vorbei an den Klostermauern, wo auch das „Blautopfbähnle“ auf die ersten Passagiere wartet und blickt ungläubig auf die Menschenmenge, die einem umgibt. Wenige Schritte weiter, beim Café zum Blautopf, wo der Weg enger wird, gelangt die Masse getrichtert auf den Rundgang um die berühmte Quelle. Kinder und Senioren voran, die ausländischen Touristen suchen noch ihren Gruppenführer und verstopfen zeitweilig den Zugang zum Gewässer. Man erhascht einen ersten Blick und schaut nochmals hin – so klar, so blau, so klein.

Im Uhrzeigersinn bewegt sich das Volk der Wochenendausflügler um den Ursprungsort der Blau, die 22 Kilometer weiter in die Donau fliesst. Die einen suchen nach der richtigen Komposition für ihr Familienporträt, die anderen absorbieren die Szenerie ausschliesslich mit den Augen, überzeugt davon, dass nur der Pöbel hier, an diesem andächtigen Ort, zur Kamera greift. Der schmale Pfad führt zwischen Bäumen hindurch zu einem Denkmal, das den Erbauern der Albwasserversorgung gewidmet ist. Wer davor nun noch ein Selfie knippst, ist in den Augen der Tourismuselite wahrlich geschmacklos. Noch ein Stück weiter, gleich nach der Überquerung einer kleinen Holzbrücke, lichtet sich der Wald und man steht erneut seitlich der Klosterkirche. Zeit für ein Eis.

Das abrupte Ende des natürlichen Idylls erstaunt ebenso wie der erste Blick auf Blaubeuren. Die Erwartungen an die Kleinstadt und ihre Quelle sind hoch. Die Kommune hält die fordernden Besucher und das Ärgernis der Bewohner über jene mit stetig neuen Verkehrslösungen in Schach. Die Gäste kurbeln eifrig die Wirtschaft an, doch das Geschäft mit den Touristen befriedigt nur bedingt. Die unzähligen Eisdielen laufen gut. Beim Spaziergang durch die Altstadt – da treibt einem die Menschenflut nach dem Rundgang um den Blautopf hin – vermisst man aber ein wichtiges Element: Charisma. In einer Stadt mit eigenem Kloster und vier Kirchen sollte es genau daran eigentlich nicht mangeln, schliesslich stammt der Begriff ursprünglich aus der Theologie. Zwischen Spaghettieis und Fritten scheint diese Gabe jedoch untergegangen zu sein. Blaubeuren hat so vielen Gästen etwas mitgegeben, dass es für sich selbst nichts mehr übrig hat ausser Feierabendbier und ein paar Kippen am Stammtisch.

Kippen und Eis – Wo ist das Charisma?  (Dario Veréb)

Die Randzeiten

So scheint es, so denkt man. Aber es ist ja Wochenende und noch Sommer und noch früh. Am Blautopf wird nicht schwarzgemalt, aber eben auch nicht schöngefärbt. Die Tagestouristen kommen in Strömen. Sie kaufen kitschige Souvenirs, lassen Essen auf den Boden fallen und haben ihre Kinder nicht im Griff. Doch sie verlassen den Ort ebenso schnell, wie sie gekommen sind. Noch vor Sonnenuntergang sind die Parkplätze eins bis fünf geräumt. Auf Parkplatz sechs stehen noch einige Camper und im „Ochsen“ oder „zum Löwen“ sind auch ein paar abgestiegen. Nach dem Abendessen machen sich die Geduldigen deshalb nochmals auf den Weg zum Blautopf, dieses Mal ohne Pilgergruppe.

Der erste Eindruck zählt, doch er kann auch täuschen. Hinter dem Blautopfhaus, das man aus Reiseführern und -blogs kennt, führt ein schmaler Pfad dem Blautopf entlang. Kaum an der Wasserschneise vorbei, erspäht man bereits das klare, tiefblaue Wasser, indem sich die überhängenden Blätter spiegeln. Unter der Oberfläche räkeln sich knallgrüne Wasserpflanzen, die nach den Wolken greifen. Hier, wo die Blau entspringt und die Benediktiner vor knapp tausend Jahren ihr Kloster gründeten, ist Reinheit Programm. Das Farbenspiel aus Wasser, Vegetation und Himmel, die Klänge des plätschernden Flusses und den raschelnden Blättern – so und nicht anders muss man den Blautopf erleben. So, in aller Ruhe, hat Blaubeuren Charisma.


Wenn die Ausflügler verflogen sind, lässt sich der Blautopf besser geniessen.  (Dario Veréb)