Anti normale Ausnahme

In einer starken Demokratie ist selbst ein schwacher Lockdown heftig. Mehrere hundert Schweizerinnen und Schweizer versammeln sich deshalb im Mai 2020 wöchentlich auf dem Sechseläutenplatz in Zürich, um gegen die Notstandsmassnahmen des Bundes zu demonstrieren. Auch in Basel, Bern und St. Gallen sind an Samstagen Plakate zu sehen und Parolen zu hören, die das Coronavirus als «Lüge» und «Beginn einer neuen Weltordnung» bezeichnen. Die Demonstrierenden diskutieren über 5G, Bill Gates und die Impfpflicht. Das Potpourri an Verschwörungstheorien ist das Ergebnis der Durchmischung zweier politischer Fronten: An dieser Demonstration stehen, sitzen und meditieren Rechte und Linksalternative Seite an Seite.

Am 9. Mai ging die Demonstration weitgehend friedlich über die Bühne. Die Polizei, welche zwar schon früh Präsenz markierte, beschränkte ihren Eingriff auf Lautsprecherdurchsagen. Zwei Tage vor angekündigten Lockerungen der Sicherheitsvorkehrungen hatten die Protestierenden den Platz vor dem Opernhaus weitgehend für sich.

Eine Woche später, am 16. Mai, schien die Stimmung wie ausgewechselt. Die Polizei verfolgte klare Anweisungen. Sie griffen härter ein, kontrollierten Protestierende und Passanten, nahmen diverse Teilnehmer fest und lösten die Versammlung schliesslich auf. Polizeifeindliche Äusserungen und Buhrufe, die sich ebenfalls an die Gesetzeshüter richteten, übertönten die Kritik an der «Lügenpresse», die diesmal weitaus präsenter war als noch eine Woche zuvor.

Trotz Regen versammelten sich auch am 23. Mai wieder viele Demonstranten in Zürich. Bereits eine Stunde nach Beginn der unbewilligten Kundgebung war der Platz jedoch leergefegt. Auch wer dachte, er könne am Rande des Geschehnisses sein Transparent zur Schau stellen, wurde kontrolliert und ermahnt.

Am 30. Mai, nachdem die letzten beiden Samstage polizeiliche Eingriffe verlangten, verläuft der Auflauf bis zuletzt friedlich. Nur das Dialogteam der Stadtpolizei Zürich mischt sich auf dem Sechseläutenplatz unter die Protestierenden. Der Diskurs unter den Teilnehmenden unterteilt die Demo ungewollt in kleinere Grüppchen, die die erlaubte Höchstzahl kaum überschreiten. Mittlerweile findet sich wohl nur noch das Mittelfeld der Lockdown-Gegner hier ein: Keine Holocaustrelativierungen oder Bill-Gates-Verschwörungstheorien weit und breit. In der darauffolgenden Woche wird die Versammlung weiter geschrumpft sein. Am 13. Juni wird der Protest dann von über 10'000 BLM-Demonstranten überrollt.