Stille Proteste

Still, aber nicht ruhig. Die Bewegung wächst rasch und das ist wenig erstaunlich: Mit jeder Pressekonferenz des Bundesrats fühlt sich scheinbar ein neuer Teil der Gesellschaft diskriminiert. In Gesprächen beklagen Teilnehmerinnen und Teilnehmer die geschlossenen Gastronomiebetriebe, die behördliche Inkonsequenz, die Sturheit des Bundesrats und die Widersprüche in der Medizin. Es gibt immer mehr Gründe, um diesen Veranstaltungen beizuwohnen, weswegen auch der sechste «Stille Protest» in Liestal am 20. März 2021 wieder grösser als der vorherige ist.

Spätestens nach dem Stillen Protest vom 6. März in Chur sind Veranstaltungen den Schweizerinnen und Schweizern ein Begriff. Mit Schutzanzügen, Masken, Brillen und teils sogar Handschuhen machen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Schutzmassnahmen gegen die Eindämmung des Coronavirus lustig. Organisiert werden die Stille Proteste vom gleichnamigen Verein.

Alle zwei Wochen bittet eine Mitveranstalterin via Megafon die Anwesenden, ihre «Bestellungen» abzuholen. Sie meint ebenjene weisse Hülle, die zum Markenzeichen der Veranstaltung und somit der Bewegung geworden ist. Zum Outfit gehören auch laminierte Blätter, auf denen mal mehr mal minder krude Thesen zu lesen sind. Sind alle gekleidet, beginnt ein Spaziergang durch die Strassen des Ortes. Polizeiautos blockieren die Strassen, damit der Menschenzug ungestört seines Weges schreiten kann. Vor den Redebeiträgen der Promis der Szene bedankt sich die Mitveranstalterin dann immer höflich bei der «kooperativen Polizei». In Wohlen, am 20. Februar lag sogar ein Applaus für die Ordnungshüter drin.

Gegründet wurde der Verein am 4. Dezember 2020. Die ersten beiden «Stillen Proteste» waren noch von Privatpersonen organisiert worden. Damals in Zürich, am 7. November 2020, waren es gerade mal 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewesen, die sich als Zeichen des Widerstandes in Weiss hüllten. Beim zweiten Anlass waren es dann schon dreimal so viele.

Es sind Proteste gegen die Schutzmassnahmen des Bundes, gegen die Impfung, gegen die Maskenpflicht, gegen die Freiheitsberaubung. Sie verlaufen friedlich, wirken andächtig und paradox: Um die Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus zu bekämpfen, überspitzt man sie. Gas- statt Einwegmaske, Gummihandschuhe statt Desinfektionsmittel. «Dein Atem tötet» und «Hinterfrage nicht», aber auch «Impfen macht frei» und «Das Virus sind die Medien». Der Verein gibt sich neutral, versucht die Coronarebellen salonfähig zu machen, doch die antidemokratischen und antisemitischen Züge sind tief verankert. Der Judenstern auf Masken und Pins, Ein Schild mit Alain Berset als orthodoxer Jude und weiterer Nazisymbolik – die Elemente mögen nicht erwünscht sein, trotzdem gehen Veranstalter und Polizei gleichermassen gegen sie vor: Gar nicht. Grund dafür ist unter anderem die Schweizer Rechtsprechung, die Rassismus aufgrund ihrer Löchrigkeit beim besten Willen nicht bekämpfen kann.

In dieser Rubrik teile ich Fotografien, die an den «Stillen Protesten» entstanden sind.  Weil die Initianten weitere Anlässe planen, wird diese Seite laufend ergänzt.