Stille Proteste

Der Auftritt der Massnahmengegnerinnen und -gegner fiel schon im Mai 2020 auf. Doch während zu Beginn der Pandemie die ideologische Bandbreite Aufmerksamkeit erregt hatte, verblüffte ein halbes Jahr später der einheitliche Auftritt der Coronarebellen. Am 7. November spazierten ungefähr fünfzig Menschen gemeinsam durch Zürich. In weisse Schutzanzüge gekleidet, mit laminierten Plakaten auf Brust und Rücken versuchten sie, ihren Sorgen Nachdruck zu verleihen. Und siehe da: Eine Woche später in St. Gallen waren es schon dreimal so viele.

Das Wachstum der Bewegung ist seither abgeflacht, doch der Verein "Stiller Protest", der nach den ersten beiden Aufläufen gegründet wurde, mobilisiert mittlerweile mehrere tausend Menschen. Seitdem der Schweizer Bundesrat diverse Massnahmen gelockert hat, verlieren die Proteste an Relevanz, aber die entstandene Gemeinschaft bleibt bestehen. Zu den Schutzanzügen haben sich im Frühling 2021 Trychler dazugesellt. Die Kuhglocken schwingenden Eidgenossen machen Stimmung und ihre Nachricht deutlich: Man war genug lange still.

Die Veranstaltungen sind kontrovers. Das liegt hauptsächlich an einzelnen Zwischenfällen, die dem Image der Bewegung deutlich geschadet haben. Dazu zählen Übergriffe auf Gegendemonstranten und Medienschaffende in Altdorf, Liestal und Rapperswil, die von verschiedenen Protagonistinnen und Protagonisten der Szene geleugnet werden. Dass sich aber auch extreme Gesinnungen im Gemisch eingenistet haben, ist mehrfach bewiesen worden. Unter den Teilnehmenden befinden sich Anhänger der Reichsbürgerideologie und andere Verschwörungsgläubige, Rechtsextremisten und Hooligans. Dennoch, die Veranstaltungen als Extremisten-Get-Together zu diskreditieren ist falsch, weil die Verallgemeinerung vor allem jenen vor den Kopf stösst, die an den Veranstaltungen moderate Werte vertreten. Solche Beschuldigungen können letztendlich dazu führen, dass sich mildere und extremere Coronarebellen assimilieren.

Die Proteste im Sommer 2021 haben wenig mit jenen aus dem Vorjahr gemeinsam. Die Fronten haben sich soweit verhärtet, dass die Gespräche zwischen Aussenstehenden und Teilnehmenden, wie sie im Mai 2020 auf dem Sechseläutenplatz in Zürich noch gang und gäbe waren, mittlerweile unmöglich sind. Man wiegt sich im eigenen Glauben und geniesst das Millieu Gleichgesinnter, in dem dieser Glauben Wissen ist.

Die Bilder stammen von den Protesten in Rapperswil, Liestal und Wohlen.